Tag 205: Das zweite Ich

Exakt vor einer Woche trafen wir in Hannover ein. Freudig erwartet von unseren wundervollen Kindern und unseren Freunden. Und natürlich freuten auch wir uns, sie alle wiederzusehen.

Obwohl ich weiß, dass es nur ein Zwischenstopp ist, komme ich nicht an, fühle ich mich nicht wohl. Beim Betreten der Wohnung kam mir nichts vertraut oder bekannt vor. Vielmehr erdrücken mich die Wände und noch vorhandenen Möbel. Die Wege zwischen Bad/Küche/Wohnzimmer/Schlafzimmer sind viel zu weit. Selbst die Wege innerhalb unserer tatsächlich riesigen Küche sind energieraubend. Ich konnte und kann noch immer nicht schlafen und ständig begegnet mir mein vergangenes ICH. Ich sehe mich (vor 7 Monaten und davor)  durch die Wohnung laufen, kochen, putzen und meinem gewohnten Alltag nachgehen. Aber das bin ich nicht. Diese Rolle passt mir nicht mehr. Sie sitzt wie ein viel zu kleiner Schuh und drückt, zwickt und verursacht Schmerzen. Sehnsüchtig blicke ich aus dem Fenster auf mein zu Hause, unser Peter. Ganz oft am Tag suchen wir einen Vorwand, nochmal zu Peter zu müssen. Sobald sich die Tür hinter mir schließt, fühle ich mich beschützt, sicher und zu Hause. Ich rieche die Freiheit, das Meer und mein Leben, das Leben das ich nicht mehr missen möchte.

Gestern schlichen Frank und ich uns spät abends ins Wohnmobil, zogen die Gardinen zu, zündeten Kerzen und ein Räucherstäbchen an, tranken Wein und schwupps schon befand ich mich an einem Stausee in Portugal. Erst heute morgen gingen wir wieder in die Wohnung. Ab jetzt wird jeder Dienstag in Peter verbracht, bis wir  wieder abfahren.

Mateo genießt es, seinen Traktor wieder fahren zu können. Doch auch ihm macht die Größe der Wohnung zu schaffen und er fragt jeden Tag, wann wir wieder in Peter wohnen, wann wir wieder fahren.

Noch vor 2 Monaten saß ich in Portugal und lehnte Franks Angebot, zurückzufliegen und die Wohnung leerzuräumen, während ich mit Mateo in Portugal bleibe, ab. Ich wollte nicht, dass er unsere gesamten Möbel verschenkt. Und nun sitze ich im kalten regnerischen Hannover und ärgere mich darüber, wie blöd ich war. Ich habe keine Beziehung mehr zu diesen materiellen Dinge und wie wird man sie am schnellsten los? Richtig verschenken. Frank lacht mich aus und ich bestehe darauf, dass es mir wichtig war, dass ich sie verschenke und nicht er. Ein bisschen das Gesicht wahren, muss er mir schon zugestehen.

 

 

 

 

 

Tag 193: Ist mein Off-Grid-Leben rosarot?

Meistens ist es knallig pink. Manchmal ziehen Wolken auf, die jedoch schnell wieder verschwinden. Klar gibt es Situationen, die eine Herausforderung für einen von uns oder sogar für uns alle darstellen.

Die fehlende Rückszugsmöglichkeit ist ein wiederkehrender Stressor für mich und dadurch knallt es ab und an im Wohnmobil. Ein größeres Wohnmobil wäre natürlich eine Lösung, aber nur auf den ersten Blick. Peter hat exakt die perfekten Maße. Wir kommen mit ihm durch jede schmale Gasse und vor allem ist er noch ein 3,5tonner und somit sind wir nicht gezwungen Autobahn zu fahren (vor allem in Frankreich). Es ist besser klare Vereinbarungen über freie Zeiten für jeden von uns zu treffen und diese Vereinbarungen  auch einzuhalten. 24 Stunden gemeinsame Zeit ist mir eindeutig zu viel. Im Großen und Ganzen ist dies unser einziger Streitpunkt.

In allen anderen Dingen haben wir schnell unseren Platz und Zuständigkeit gefunden. Die alltäglichen Dinge, wie kochen und putzen, teilen sich von selbst auf. Es putzt sich deutlich einfacher mit Blick auf das Meer und kochen ist zwar beengt, aber jeder Handgriff sitzt.

Einigkeit besteht auch über Dinge wie Verweilen oder Weiterfahren, wohin fahren, wie weit fahren, wo übernachten. Wir merken uns gegenseitig sehr gut an, wann wir hibbelig werden und eine Weiterfahrt ruft.

Das Off-Grid-Leben hat sowohl Frank als auch mir gezeigt, was Selbstverantwortung tatsächlich bedeutet. Vor der Reise dachten wir, Selbstverantwortung sei, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen; also im Endeffekt zu arbeiten, um sich und die Familie zu ernähren. Mittlerweile ist klar, dass „arbeiten“ so rein gar nichts mit Selbstverantwortung zu tun hat. Wir hatten irgendwie falsche Vorstellungen von der Definition. Was es tatsächlich bedeutet, kann ich schwer erklären. Es wurde mir das erste Mal bewusst, als wir 2000 m above sealevel in der Sierra Nevada verweilten und uns allen klar war, ein Arzt ist nicht in 5 Minuten und auch nicht in 2 Stunden bei uns. In dem Moment entstand erstmalig ein Satz in meinem Kopf: „Egal, es ist mein Leben und ich will das jetzt machen.“

Ja, ES IST MEIN LEBEN und darin haben weder Angst noch Verbote noch Ratschläge Platz. Ich bestimme, was ich wann und wie tue.

Exakt diese Übernahme der Selbstverantwortung bringt Unabhängkeit und Freiheit mit sich, die das Offgrid-Leben rosarot bis pink machen. Einerseits bildet sich eine ungeahnte Stärke und zeitgleich eine unglaubliche Gelassenheit im Innern. Die eigenen Bedürfnisse verschaffen sich lautstark Gehör und dies wiederum ermöglicht eine klare und direkte Kommunikation im Außen. Es gibt nur noch Ja oder Nein. Gedanken und Gespräche erlangen eine wunderbare Tiefe. Für Smalltalk bin ich nun endgültig das falsche Gegenüber.

Ich hatte Ängste und Zweifel vor einem Leben in einem rollenden Zuhause, in fremden Ländern, ohne geregelte Arbeit, ohne die alltäglichen Gewohnheiten, ohne Sicherheiten, ohne alles das, was mein Leben war. Das alles Loszulassen hat mir eine Wahnsinnsangst eingejagt. Heute bin ich stolz auf meinen Mut und ich wurde belohnt. Denn für mich ist das Leben nun  viel einfacher als das Leben im Hamsterrad. Durch die tägliche Anpassung an neue Umstände kann es keine Gewohnheit geben.(Also das, wovor ich am meisten Angst hatte.)  Exakt das ist nach meiner Ansicht nun der Schlüssel zu meiner Zufriedenheit. Alte Verhaltensmuster und festsitzende Gedankengänge helfen mir nicht mehr weiter und automatisch erfolgt eine Veränderung der Strukturen. Eine lösungsorientierte Denkweise macht sich breit.  Probleme lösen sich nicht in Luft auf, sie werden zu Aufgaben, die ich löse oder auch mal nicht löse. Nicht mehr und nicht weniger.

Ja es ist beängstigend, sein Leben hinter sich zu lassen und neue Schritte zu wagen. Ob es nun reisen, auswandern, selbstversorgen oder sonst was ist, spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist, dass es der eigene Weg ist, auf dem man wandelt; das eigene Leben, in das man einsteigt. Und schwupps schon ist es pink wie ein Flamingo….

Tag 182: Von Menschen und Leuten

Auf unserer bisherigen Reise sind uns viele Menschen begegnet. Menschen mit ähnlichen Lebensvorstellungen wie wir und Menschen mit völlig anderer Sichtweise. Begegnungen, die uns nachdenklich machten, den Kopf schütteln ließen und uns manchmal amüsierten. Wir haben Menschen kennengelernt, die innerhalb kürzester Zeit zu Freunden wurden und die wir wiedersehen werden, aber auch Menschen, mit denen die Chemie nicht passte. Es war von allem etwas dabei und ich möchte nicht eine einzige Begegnung davon missen. Jede hat mich zum Wachstum angeregt.

Eines ist Fakt: Ohne diese Reise, wären uns diese Menschen nicht begegnet, denn sie kommen aus allen möglichen Ländern dieser Erde. Ich musste also nach Portugal fahren, um Leute zu treffen, die den gleichen Innenarchitekten im Gehirn haben, wie ich. 😉 und Leute, die einen noch viel verrückteren Innenarchitekten haben. Egal, ob die Chemie stimmte oder nicht: Eins haben wir alle gemeinsam: Wir leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich unser Leben.

Auf was für Menschen trifft man so, wenn man reist? Klar, da sind die, die neugierig auf die Welt sind und Ländern kennenlernen wollen. Da sind die, die in keinen Rahmen zu pressen sind und bedürfnisorientiert leben. Da sind die, die sich Gedanken um die Zukunft ihrer Kinder machen und ihnen Bildung angedeihen lassen. Da sind aber auch die, die mittels Strafbefehl in ihrem Heimatland gesucht werden. Da sind die die, die nur auf der Suche nach dem nächsten Drogenrausch sind. Da sind die, die ausschließlich preiswert in einem Land leben wollen. Da sind die Klimaflüchtlinge. Da sind die Selbstdarsteller. Und da sind Personen des öffentlichen Lebens, die sich eine Auszeit nehmen. Es ist interessant, auf wie viele bekannte Menschen wir getroffen sind. Sie fahren nicht mit dem teuersten Wohnmobil durch die Gegend, sondern meist mit einem Kastenwagen oder einem kleinen völlig unscheinbaren Wohnmobil. Erst im Gespräch findet man heraus, wen man da eigentlich vor sich hat: Fotografen, Musiker, Künstler und Toningeneure. Kurze Begegnungen mit nachhaltiger Wirkung. Ich danke jedem einzelnen für die tollen Gespräche in welchem Sprachkauderwelsch auch immer. 😊 Partys auf 10 qm sind einfach die besten.

Die letzten 2 Tage in Portugal trafen wir S., eine 75 jährige Frau, die allein seit 2 Jahren in ihrem Kastenwagen wohnt und durch die Welt reist. Wir trafen auch auf A., der sehr krank ist, alleine reist und für sich beschlossen hat, der Tod wird ihn grinsend am Strand treffen und nicht leidend im Krankenhaus. Ich verneige mich vor eurem Mut. Ihr seid so unglaublich stark.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es in Portugal Zeugen Jehovas gibt, die einfach so an das Wohnmobil klopfen und in DEUTSCH über Gott mit uns reden wollten.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen unsere Hilfe brauchen, auch wenn wir nicht einmal ihren Namen kennen. Genauso wurde uns geholfen, obwohl wir Fremde waren.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Ordensschwestern auf Tische und Bänke tanzen und dabei Selfies von sich machen.  Ja, ich war sprachlos für eine lange Zeit.

Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass wir einige Erfahrungen nicht nochmal machen möchten. Dazu gehört vor allem alles, was mit Urlaub gegen Hand zu tun hat. Also wir arbeiten eine gewisse Stundenzahl für einen Stellplatz auf einem Privatgrundstück, Benutzung von Badezimmer sowie Verpflegung. Hier hat sich für uns herauskristallisiert, dass der Energieausgleich nicht stimmt. Ich habe in meinem Leben noch nie solch einen Dreck gesehen. Küche und Badezimmer seit Monaten oder gar Jahren nicht geputzt. Lebensmittel verdorben und mit Ratten-/Mäusekot durchzogen (wir haben nie etwas gegessen), als Trinkwasser wurde uns Regenwasser angedreht (zu dem Zeitpunkt hatte es in Portugal im März 2017 letztmalig geregnet!), Stellplätze meist nur in der Auffahrt, weil man gar nicht auf das Grundstück kam und die freien Tage, hmm, da wurde nicht so genau auf den Kalender geschaut. Nee, mit uns nicht mehr, wir mögen es dann doch hygienisch und mit angemessenem Ausgleich.

Wir haben gelernt, noch besser hinzuschauen. Wir haben gelernt, noch besser zuzuhören. Wir haben gelernt, noch mehr auf Menschen Acht zu geben. Wir haben gelernt noch besser für uns zu sorgen.

Nun nähern wir uns Deutschland in rasantem Tempo, doch unsere Reise ist nicht beendet. Es ist ein Zwischenstopp und weitere Begegnungen warten auf uns.