Tag 362: Die Reise geht weiter….Wohin?

1.10.2018: Wir übergeben unsere Wohnung, ziehen ins Wohnmobil und starten den Motor um 8.52 Uhr. Mir wird plötzlich klar, wie zehrend die letzten 5 Monate in Hannover waren. Der Stress mit der Wohnungsauflösung, der innere Widerstand in Deutschland zu sein, die Sehnsucht nach Portugal….Natürlich gab es wundervolle Momente mit lieben Freunden und der Familie. Doch mein Heimweh war teilweise unerträglich.

Der Motor startet und die gesamte Anspannung fällt von mir ab. In mir entsteht das Gefühl als hätte ich unser Wohnmobil niemals verlassen, als hätte es die letzten Monate in Deutschland gar nicht gegeben. Glück und Zufriedenheit macht sich im Innern breit. Ich bin zu Hause.

Wir sind schon einige Meter gefahren, da fällt die Frage, wohin fahren wir heute überhaupt? Hmm, gute Frage, Richtung Süden natürlich. Kurz vor Göttingen werden Mateo und ich unruhig. Spontan fällt die Entscheidung: Genug für heute. Wir steuern den Kiessee Göttingen an und fühlen uns gleich wohl.

 

Wie schön es ist, unserem Bauchgefühl zu folgen, stellt sich noch am Abend heraus. Mit Göttingen verbinde ich ein warmes Gefühl. Dort lebt eine Familie mit der wir engen Kontakt hatten. Vor 4 Jahren schlief dieser jedoch ein und hier am Kiessee denke ich an die lieben Menschen. Und exakt in diesem Moment erhalte ich einen Kommentar auf instagram. Ich kann es erst nicht glauben, aber es ist der männliche Part dieser Familie, der uns eine schöne Reise wünscht. Kurzerhand oute ich uns und sage grob, bis wohin unsere 1. Fahrt ging. Am Abend klopft es an unsere Wohnmobiltür und dort stehen sie. Wiedersehensfreude und Abschied in Einem. Wow, wie habe ich mich gefreut und ich freue mich immer noch. Nach 4 Jahren war sofort wieder Verbundenheit zu spüren. DANKE.

 

Heute denke ich an den Spruch, den ich gestern auf insta postete: „Wer uns sucht, ja, wer uns von ganzem Herzen sucht, von dem werden wir uns finden lassen.“ Tja, läuft 😉

Und so werden wir auch weiterhin unserem Bauch und Herzen folgen. Es gibt kein Ziel nur einen Weg.

Noch 17 Tage: Worte bilden Brücken…Worte zerstören Welten…

Wörter sind unwahr. Alles was ich schreibe und spreche, ist unwahr. Wörter sind unwahr bis der Empfänger, also du, sie als wahr empfindest, sie dich berühren und du ihnen Glauben schenkst. Den Wahrheitsgehalt eines Wortes bestimmt ausschließlich der „Hörende“.

Worte haben eine gewaltige Kraft. Sie können heilen oder zerstören. Worte erzeugen Missverständnisse. Worte kommen selten beim Hörer so an, wie du sie gemeint hast. Sich an das Gesagte zu erinnern, gelingt nur für eine begrenzte Zeit. In einem Streit wird dir das klar. Es hagelt Vorwürfe, nie höre man zu und das habe man so niemals gesagt.

Emotionen leben wir selten, stattdessen verbalisieren wir sie und starten den Versuch sie rational zu erklären. Suchen nach Anleitungen und teils zweifelhaften Methoden, die beim be- und verarbeiten von Gefühlen helfen.

Mit Worten wollen wir unser SEIN erklären. Mit Worten begeben wir uns in die Spiritualität. Mit Worten wollen wir Selbstfindung erreichen.

Obwohl Worte nur Schall und Rauch sind, begründen wir auf ihnen zwischenmenschliche Beziehungen, strukturieren unser Leben und trauen ihnen mehr als unseren Gefühlen. Ich bediene mich gern der Worte, letztendlich auch, um diesen Text zu verfassen, doch meinen Gefühlen traue ich mehr als Worten.

Ich höre nicht die Worte meines Gegenübers, weil ich weiß, dass ich sie sowieso nicht verstehe. Ich schaue tiefer und versuche zu fühlen, was hinter den Worten steckt. Ich versuche die Gefühle wahrzunehmen, lasse mich auf mein Gegenüber ein. Was fühle ich jetzt und in diesem Moment. Nicht gestern, nicht vor einer Stunde und nicht morgen. Sondern JETZT. An meine Worte werde ich mich schon morgen nicht mehr erinnern, doch dass ich dich liebe, werde ich ewig spüren.

Ich träume von einer Welt in der die Worte ihren Wert und ihre Bedeutung verlieren. Eine Welt in der die Menschen sich gegenseitig fühlen. Den Schmerz, die Traurigkeit, die Freude, die Wut, das Glück, die Ängste, die Lust und viele viele Gefühle mehr….  Eine Welt, in der es keiner Worte bedarf.

Noch 54 Tage: Arm oder reich?

Im Zuge der Haushaltsauflösung begegnen wir vielen Menschen, wenn sie Dinge aus unserer Wohnung schleppen. Sie freuen sich über ein neues Stück und wir freuen uns, über den kleiner werdenden Ballast. Natürlich kommen wir mit ihnen ins Gespräch. Die meisten fragen uns direkt, warum wir fast unser gesamtes Hab und Gut weggeben. Die Reaktionen auf unsere Anwort: „Wir wohnen bald ausschließlich im Wohnmobil und reisen.“ sind unterschiedlich. Entweder: „Ohje, dann habt ihr fast gar nichts mehr. Wie schrecklich.“ Oder „Ja, das ist die richtige Einstellung. Wozu braucht man denn diese ganzen Dinge?“ (Bei denen greife ich schnell ein und erinnere sie daran, das soeben Erworbene unbedingt mitnehmen und sich noch mit dem Philosophieren über den Sinn des Kaufes bis nach Hause Zeit lassen.)

Die einen halten uns für arm, die anderen für reich. Beides auf unterschiedlichen Ebenen. Arm werden wir betrachtet, da wir kaum noch materielle Dinge besitzen und derzeit auf Matratzen auf dem Boden schlafen und Kleidung locker in 1 Tasche passt. Als reich werden wir angesehen, weil wir uns die Freiheit nehmen, das zu tun, was wir wollen; dem gesellschaftlichem Druck „besitzen zu müssen“, den Mittelfinger zeigen.

Neulich jedoch gab es eine Reaktion einer Frau, die mich nachdenklich machte. Wir kennen sie nicht, wissen nur, dass sie als Sozialarbeiterin für ihre Klienten bei uns Möbel abholte. Zu unserem zukünftigen Leben reagierte sie mit Bewunderung und sagte klar und deutlich: „Diese ganzen materiellen Dinge braucht kein Mensch. Wir haben alle viel zu viel. Das ist alles nur Ballast.“ Kurze Zeit später schilderte sie uns die Situation eines ihrer Klienten, der „gar nichts hat“; nur 3 Tassen, 4 Gläser, ein bißchen Besteck, Herd und Spüle aber keine Einbauküche und er schläft auf der Matratze am Boden. Ein so armer Mensch. Sie folgte meinem Blick auf unsere Matratzen am Boden und die leere Wohnung. „Warum empfindest du bei ihm Armut und bei uns nicht?“ Der Widerspruch war offensichtlich, doch sie hatte keine Antwort darauf und ich auch nicht. Doch diese Begegnung lässt mich nicht los. Wie wird Armut definiert? Als ich das recherchierte, klärte sich einiges für mich, denn es gibt 3 Arten von Armut: die absolute, die relative und die gefühlte. Unser Gespräch konnte ich in die Kategorie „gefühlte“ Armut einordnen. Ihr Klient versucht sich in die Gesellschaft zu integrieren während wir in eine andere Ebene eintauchen. So betrachtet, war es kein Widerspruch. Wir wählen frei den Minimalismus, er ist vorerst dazu gezwungen. Wir glücklich damit, er unglücklich.

Ich persönlich messe Reichtum und Armut normalerweise nicht anhand von Vermögen und Besitztümern. Trotzdem hat mich die Definition der absoluten Armut geschockt. Absolute Armut bedeutet ein Einkommen von 1 EUR/Tag. Von 8 Milliarden Menschen sind 1,2 Milliarden Menschen von absoluter Armut betroffen. So viele Menschen, die mit Sicherheit hungern, denen es körperlich und seelisch vermutlich nicht gut geht, denen keine Wahl bleibt, ob sie minimalistisch oder protzig leben wollen.

Wie reich ich sowohl im materiellen und im immateriellen Sinn bin. Wir leben selbst auf unseren 10 qm luxuriös. Ich bin dankbar für mein Leben und die Möglichkeit jeden Tag frei entscheiden zu können.

Noch 63 Tage: Flucht aus dem Museum

Es gibt Dinge, die schon lange auf unserer ToDo-Liste. Überraschend ist immer wieder der richtige Zeitpunkt, wie plötzlich und unerwartet eines der ToDo’s auftaucht und getan werden will. So auch heute. Völlig aus dem Nichts stand es vor uns und sagte: JETZT

Alles fing mit Werbung an, die ich heute Morgen las und mir ein „Ach was für eine coole Location dafür.“ herausrutschte. Der beste Ehemann griff es auf und zeitgleich zum Telefon und so kam es, dass wir in glühender Mittagshitze in die kalten Gemäuer des Landesmuseums vordrungen. Nach der Besichtigung der Sonderaustellung „Die Schätze der Klosterkammer“ erwartete uns unsere Äbtissin und führte uns an den anderen Besuchern des Museums vorbei zu einer Wand, die eine fast unsichtbare Tür enthielt.

Wir folgten ihr, die Tür schloss sich hinter uns. Wir erhielten noch einige Anweisungen und die Sanduhr wurde umgedreht. Das Spiel gegen die Zeit begann. Auf der Suche nach Artefakten hatten wir einige teilweise doch sehr kniffelige Aufgaben zu lösen. Trotz der Hitze arbeiteten unsere Gehirne ganz passabel und wir lösten die Rätsel und die Tür öffnete sich nach 45 min.

Unser 1. Escape Room. Seit Jahren auf unserer ToDoListe. Heute in einer unglaublich schönen Kulisse die Flucht erfolgreich geschafft. Es ist beeindruckend, wie viel Liebe zum Spiel in der Ausstattung dieses Raumes und der Rätsel steckt und wissend sich in den Gemäuern des Landesmuseums Hannover zu befinden, war ein besonderes Highlight für uns. Ja, unser erstes, aber nicht unser letztes Escape Spiel. Den Punkt haken wir auf der Liste nicht ab. Der bleibt.

Danke an www.escape-nienburg.de für die schöne Stunde und die perfekte Illusion.

 

 

Tag 262: Warum ich kann und du nicht

„Beneidenswert, ABER ich könnte das nicht. Job kündigen, Wohnung auflösen und ins Unbekannte gehen.“ Jedem, wirklich jedem, ob flüchtig oder vertraut mit mir bekannt, entwischt ein: „ABER ICH KÖNNTE DAS NICHT“ Warum eigentlich nicht? Ich kann es dir sagen, weil du nicht willst. Weil du Angst hast. ANGST ist der Antrieb deines Handelns und Lebens. Nicht nur deines Handelns; Angst ist die Motivationsgrundlage der meisten Menschen. Glücksfindung mittels Vermeidungsstrategie? Funktioniert das?

„Aber ich könnte das nicht“, ein Ausspruch auf Basis der Existenzangst. Ohne Job kein Geld. Ohne Geld keine Existenz. Ich kann dir sagen, du existierst trotzdem weiter. Kein Job und Geld der Welt begründet deine Existenz. Ich gehe seit 8 Jahren keiner „geregelten“ Arbeit nach. (Davor war ich ein Musterbeispiel für Pflichtbewusstsein). Ich existiere weiterhin und nage nicht am Hungertuch. Mein Selbstwert leidet unter meinem „faulen“ Dasein in keiner Weise. Im Gegenteil. Er steigt.

Jeden Tag wachst du auf und es liegen unzählige Sekunden vor dir, die du mit Dingen füllen kannst, die dich erfüllen, dir Freude bereiten, die du gern tust. Machst du das? Nein? Du „musst“ zur Arbeit, um deinen Existenzangst klein zu halten.

Veto?

Du liebst deinen Job und gehst dort gern hin? Herzlichen Glückwunsch, dann bist du einer der wenigen. Lass mich trotzdem provozieren: Würdest du deinen Job im selben oder gar größerem zeitlichen Umfang unentgeltlich ausüben?

Nein?

Warum nicht, du liebst ihn doch und was man liebt, macht man gern und beinahe pausenlos? Ich z.B. nähe stundenlang, tagelang, wochenlang, jahrelang. Oft überschreite ich eine 40-Stunden Woche. Es macht mir Spaß, es entspannt mich, ich liebe es. Es ist mir egal, ob ich dafür Geld erhalte.

Meine Motivation für mein Leben ist die Freude, Lust und Neugierde; deine Motivation für dein Leben ist die Vermeidung von Ängsten. Du fütterst deine Ängste, ich zeige meinen Ängsten den Mittelfinger.

Während du dich um deinen Lebensunterhalt sorgst, sorge ich für Unterhaltung in meinem Leben.

Welcher ist nun der wahre und richtige Weg? Beide. Der eine ist dein Weg und der andere mein Weg.

Tag 253: Deutschland will mich nicht

Offensichtlich ist an dem Sprichwort „Wie es in den Wald schallt….“ viel Wahres. Dass ich mich in Deutschland nicht wohl fühle und am liebsten sofort wieder verschwinden würde, ist kein Geheimnis. Es ist nicht meine Heimat.

Und genau diese Einstellung bekomme ich von Deutschland zurück. Seit ich in Hannover bin, geschehen „Rosi-ablehnende“ Dinge. Deutschland gibt mir klar zu verstehen: VERSCHWINDE.

Die Citipost stellt mir Briefe nicht mehr zu. Sie gehen reihenweise und ohne Ausnahme an den Absender zurück mit dem Vermerk, MICH gäbe es nicht. Ja, ja, Briefkasten ist ordnungsgemäß beschriftet. Das wiederum hatte zur Folge, dass der Zentrale Ermittlungsdienst der Stadt Hannover eingeschaltet wurde, um meinen Verbleib zu ermitteln. Da sie mich angeblich nie zu Hause angetroffen haben (die Leute, die meine Wohnung leerkaufen – tagtäglich-, haben kein Problem mich zu finden), wurde mir telefonisch mit einer Zwangsabmeldung gedroht.

Aus meiner Jugend kenne ich noch in einem Land mittels einer Mauer eingesperrt zu sein und reisen war nicht möglich. ABER bitteschön seit wann ist es in der BRD verboten,

  1. Zu reisen, auch mal länger als 3 Wochen Jahresurlaub und
  2. Sich tagsüber nicht aus der Wohnung entfernen zu dürfen?

Was habe ich verpasst? Gab es im letzten halten Jahr eine Gesetzesänderung, die ich nicht mitbekommen habe? Wurde die Freizügigkeit innerhalb der EU aufgehoben? Für alle oder nur für mich?

Dieses Hin- und Her nehme ich recht gelassen und schaue mir das Schauspiel schmunzelnd an. Von mir aus können sie mir die Staatsbürgerschaft aberkennen und mich ausweisen. Die Welt dreht sich trotzdem weiter und mein Leben ebenso.

Noch besser kann es jedoch die AOK. Grundlos fällt diesem Verein im März 2018 ein, dass ich angeblich seit August 2016!!! nicht mehr versichert sei und sie bitten ab dem Zeitpunkt um eine edle Spende von 780 EUR pro vergangenen und zukünftigen Monat. Wünschen kann man sich von mir alles, erfüllen werde ich die wenigsten Wünsche.

Fakt ist, sie haben die Jahre kommentarlos meine Arztrechnungen bezahlt, mir neue Gesundheitskarten zugesandt und noch andere Dinge bezahlt. (Tatsächlich bin ich ja auch familienversichert, eigentlich.) Blöd ist, ich bin tatsächlich nicht mehr krankenversichert, trotz Krankenversicherungspflicht in Deutschland. Ja, mir wurden Behandlungen verwehrt, meine Gesundheitskarte ist gesperrt.

Überwiegend nehme ich auch diese Situation mit einem Schmunzeln, allerdings stresst mich der Gedanke nicht krankenversichert zu sein manchmal. Bereits während unserer Reise setzte ich mich mit dem Thema Krankenversicherung und deren Sinnlosigkeit auseinander. Langzeitreisende, die ich traf sind selten krankenversichert und wenn sie einen Arzt benötigen, wird – egal in welchem Land – vorab ein Preis ausgehandelt. Auf der anderen Seite hatte aber auch noch niemand von denen etwas „Ernstes“ und Teures. Mal eben eine Bandscheiben OP oder meine damalige Bauchhöhlenschwangerschaft war bestimmt teurer als ein 100er. Klar ist aber auch, dass eine Krankenversicherung ebenfalls nur eine Pseudosicherheit ist, genauso wie das Guthaben auf dem Bankkonto, der unbefristete Arbeitsvertrag oder das monatliche sichere Einkommen.

Wenn ich eins auf der Reise lernte: Sicherheiten gibt es nicht und das Leben kann nicht versichert werden. Es endet definitiv mit dem Tod und ich hoffe für jeden Menschen, dass er bis dahin tatsächlich LEBTE. Das einzige, was wirklich wichtig und mich stressfrei leben lässt, ist:

LOSLASSEN, von dem Gedanken, dass ja irgendwann mal etwas passieren könnte. Wenn dem so ist, wird sich mit SICHERHEIT eine Lösung finden. Das ist SICHER.

Tag 205: Das zweite Ich

Exakt vor einer Woche trafen wir in Hannover ein. Freudig erwartet von unseren wundervollen Kindern und unseren Freunden. Und natürlich freuten auch wir uns, sie alle wiederzusehen.

Obwohl ich weiß, dass es nur ein Zwischenstopp ist, komme ich nicht an, fühle ich mich nicht wohl. Beim Betreten der Wohnung kam mir nichts vertraut oder bekannt vor. Vielmehr erdrücken mich die Wände und noch vorhandenen Möbel. Die Wege zwischen Bad/Küche/Wohnzimmer/Schlafzimmer sind viel zu weit. Selbst die Wege innerhalb unserer tatsächlich riesigen Küche sind energieraubend. Ich konnte und kann noch immer nicht schlafen und ständig begegnet mir mein vergangenes ICH. Ich sehe mich (vor 7 Monaten und davor)  durch die Wohnung laufen, kochen, putzen und meinem gewohnten Alltag nachgehen. Aber das bin ich nicht. Diese Rolle passt mir nicht mehr. Sie sitzt wie ein viel zu kleiner Schuh und drückt, zwickt und verursacht Schmerzen. Sehnsüchtig blicke ich aus dem Fenster auf mein zu Hause, unser Peter. Ganz oft am Tag suchen wir einen Vorwand, nochmal zu Peter zu müssen. Sobald sich die Tür hinter mir schließt, fühle ich mich beschützt, sicher und zu Hause. Ich rieche die Freiheit, das Meer und mein Leben, das Leben das ich nicht mehr missen möchte.

Gestern schlichen Frank und ich uns spät abends ins Wohnmobil, zogen die Gardinen zu, zündeten Kerzen und ein Räucherstäbchen an, tranken Wein und schwupps schon befand ich mich an einem Stausee in Portugal. Erst heute morgen gingen wir wieder in die Wohnung. Ab jetzt wird jeder Dienstag in Peter verbracht, bis wir  wieder abfahren.

Mateo genießt es, seinen Traktor wieder fahren zu können. Doch auch ihm macht die Größe der Wohnung zu schaffen und er fragt jeden Tag, wann wir wieder in Peter wohnen, wann wir wieder fahren.

Noch vor 2 Monaten saß ich in Portugal und lehnte Franks Angebot, zurückzufliegen und die Wohnung leerzuräumen, während ich mit Mateo in Portugal bleibe, ab. Ich wollte nicht, dass er unsere gesamten Möbel verschenkt. Und nun sitze ich im kalten regnerischen Hannover und ärgere mich darüber, wie blöd ich war. Ich habe keine Beziehung mehr zu diesen materiellen Dinge und wie wird man sie am schnellsten los? Richtig verschenken. Frank lacht mich aus und ich bestehe darauf, dass es mir wichtig war, dass ich sie verschenke und nicht er. Ein bisschen das Gesicht wahren, muss er mir schon zugestehen.

 

 

 

 

 

Tag 193: Ist mein Off-Grid-Leben rosarot?

Meistens ist es knallig pink. Manchmal ziehen Wolken auf, die jedoch schnell wieder verschwinden. Klar gibt es Situationen, die eine Herausforderung für einen von uns oder sogar für uns alle darstellen.

Die fehlende Rückszugsmöglichkeit ist ein wiederkehrender Stressor für mich und dadurch knallt es ab und an im Wohnmobil. Ein größeres Wohnmobil wäre natürlich eine Lösung, aber nur auf den ersten Blick. Peter hat exakt die perfekten Maße. Wir kommen mit ihm durch jede schmale Gasse und vor allem ist er noch ein 3,5tonner und somit sind wir nicht gezwungen Autobahn zu fahren (vor allem in Frankreich). Es ist besser klare Vereinbarungen über freie Zeiten für jeden von uns zu treffen und diese Vereinbarungen  auch einzuhalten. 24 Stunden gemeinsame Zeit ist mir eindeutig zu viel. Im Großen und Ganzen ist dies unser einziger Streitpunkt.

In allen anderen Dingen haben wir schnell unseren Platz und Zuständigkeit gefunden. Die alltäglichen Dinge, wie kochen und putzen, teilen sich von selbst auf. Es putzt sich deutlich einfacher mit Blick auf das Meer und kochen ist zwar beengt, aber jeder Handgriff sitzt.

Einigkeit besteht auch über Dinge wie Verweilen oder Weiterfahren, wohin fahren, wie weit fahren, wo übernachten. Wir merken uns gegenseitig sehr gut an, wann wir hibbelig werden und eine Weiterfahrt ruft.

Das Off-Grid-Leben hat sowohl Frank als auch mir gezeigt, was Selbstverantwortung tatsächlich bedeutet. Vor der Reise dachten wir, Selbstverantwortung sei, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen; also im Endeffekt zu arbeiten, um sich und die Familie zu ernähren. Mittlerweile ist klar, dass „arbeiten“ so rein gar nichts mit Selbstverantwortung zu tun hat. Wir hatten irgendwie falsche Vorstellungen von der Definition. Was es tatsächlich bedeutet, kann ich schwer erklären. Es wurde mir das erste Mal bewusst, als wir 2000 m above sealevel in der Sierra Nevada verweilten und uns allen klar war, ein Arzt ist nicht in 5 Minuten und auch nicht in 2 Stunden bei uns. In dem Moment entstand erstmalig ein Satz in meinem Kopf: „Egal, es ist mein Leben und ich will das jetzt machen.“

Ja, ES IST MEIN LEBEN und darin haben weder Angst noch Verbote noch Ratschläge Platz. Ich bestimme, was ich wann und wie tue.

Exakt diese Übernahme der Selbstverantwortung bringt Unabhängkeit und Freiheit mit sich, die das Offgrid-Leben rosarot bis pink machen. Einerseits bildet sich eine ungeahnte Stärke und zeitgleich eine unglaubliche Gelassenheit im Innern. Die eigenen Bedürfnisse verschaffen sich lautstark Gehör und dies wiederum ermöglicht eine klare und direkte Kommunikation im Außen. Es gibt nur noch Ja oder Nein. Gedanken und Gespräche erlangen eine wunderbare Tiefe. Für Smalltalk bin ich nun endgültig das falsche Gegenüber.

Ich hatte Ängste und Zweifel vor einem Leben in einem rollenden Zuhause, in fremden Ländern, ohne geregelte Arbeit, ohne die alltäglichen Gewohnheiten, ohne Sicherheiten, ohne alles das, was mein Leben war. Das alles Loszulassen hat mir eine Wahnsinnsangst eingejagt. Heute bin ich stolz auf meinen Mut und ich wurde belohnt. Denn für mich ist das Leben nun  viel einfacher als das Leben im Hamsterrad. Durch die tägliche Anpassung an neue Umstände kann es keine Gewohnheit geben.(Also das, wovor ich am meisten Angst hatte.)  Exakt das ist nach meiner Ansicht nun der Schlüssel zu meiner Zufriedenheit. Alte Verhaltensmuster und festsitzende Gedankengänge helfen mir nicht mehr weiter und automatisch erfolgt eine Veränderung der Strukturen. Eine lösungsorientierte Denkweise macht sich breit.  Probleme lösen sich nicht in Luft auf, sie werden zu Aufgaben, die ich löse oder auch mal nicht löse. Nicht mehr und nicht weniger.

Ja es ist beängstigend, sein Leben hinter sich zu lassen und neue Schritte zu wagen. Ob es nun reisen, auswandern, selbstversorgen oder sonst was ist, spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist, dass es der eigene Weg ist, auf dem man wandelt; das eigene Leben, in das man einsteigt. Und schwupps schon ist es pink wie ein Flamingo….

Tag 182: Von Menschen und Leuten

Auf unserer bisherigen Reise sind uns viele Menschen begegnet. Menschen mit ähnlichen Lebensvorstellungen wie wir und Menschen mit völlig anderer Sichtweise. Begegnungen, die uns nachdenklich machten, den Kopf schütteln ließen und uns manchmal amüsierten. Wir haben Menschen kennengelernt, die innerhalb kürzester Zeit zu Freunden wurden und die wir wiedersehen werden, aber auch Menschen, mit denen die Chemie nicht passte. Es war von allem etwas dabei und ich möchte nicht eine einzige Begegnung davon missen. Jede hat mich zum Wachstum angeregt.

Eines ist Fakt: Ohne diese Reise, wären uns diese Menschen nicht begegnet, denn sie kommen aus allen möglichen Ländern dieser Erde. Ich musste also nach Portugal fahren, um Leute zu treffen, die den gleichen Innenarchitekten im Gehirn haben, wie ich. 😉 und Leute, die einen noch viel verrückteren Innenarchitekten haben. Egal, ob die Chemie stimmte oder nicht: Eins haben wir alle gemeinsam: Wir leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich unser Leben.

Auf was für Menschen trifft man so, wenn man reist? Klar, da sind die, die neugierig auf die Welt sind und Ländern kennenlernen wollen. Da sind die, die in keinen Rahmen zu pressen sind und bedürfnisorientiert leben. Da sind die, die sich Gedanken um die Zukunft ihrer Kinder machen und ihnen Bildung angedeihen lassen. Da sind aber auch die, die mittels Strafbefehl in ihrem Heimatland gesucht werden. Da sind die die, die nur auf der Suche nach dem nächsten Drogenrausch sind. Da sind die, die ausschließlich preiswert in einem Land leben wollen. Da sind die Klimaflüchtlinge. Da sind die Selbstdarsteller. Und da sind Personen des öffentlichen Lebens, die sich eine Auszeit nehmen. Es ist interessant, auf wie viele bekannte Menschen wir getroffen sind. Sie fahren nicht mit dem teuersten Wohnmobil durch die Gegend, sondern meist mit einem Kastenwagen oder einem kleinen völlig unscheinbaren Wohnmobil. Erst im Gespräch findet man heraus, wen man da eigentlich vor sich hat: Fotografen, Musiker, Künstler und Toningeneure. Kurze Begegnungen mit nachhaltiger Wirkung. Ich danke jedem einzelnen für die tollen Gespräche in welchem Sprachkauderwelsch auch immer. 😊 Partys auf 10 qm sind einfach die besten.

Die letzten 2 Tage in Portugal trafen wir S., eine 75 jährige Frau, die allein seit 2 Jahren in ihrem Kastenwagen wohnt und durch die Welt reist. Wir trafen auch auf A., der sehr krank ist, alleine reist und für sich beschlossen hat, der Tod wird ihn grinsend am Strand treffen und nicht leidend im Krankenhaus. Ich verneige mich vor eurem Mut. Ihr seid so unglaublich stark.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es in Portugal Zeugen Jehovas gibt, die einfach so an das Wohnmobil klopfen und in DEUTSCH über Gott mit uns reden wollten.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen unsere Hilfe brauchen, auch wenn wir nicht einmal ihren Namen kennen. Genauso wurde uns geholfen, obwohl wir Fremde waren.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Ordensschwestern auf Tische und Bänke tanzen und dabei Selfies von sich machen.  Ja, ich war sprachlos für eine lange Zeit.

Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass wir einige Erfahrungen nicht nochmal machen möchten. Dazu gehört vor allem alles, was mit Urlaub gegen Hand zu tun hat. Also wir arbeiten eine gewisse Stundenzahl für einen Stellplatz auf einem Privatgrundstück, Benutzung von Badezimmer sowie Verpflegung. Hier hat sich für uns herauskristallisiert, dass der Energieausgleich nicht stimmt. Ich habe in meinem Leben noch nie solch einen Dreck gesehen. Küche und Badezimmer seit Monaten oder gar Jahren nicht geputzt. Lebensmittel verdorben und mit Ratten-/Mäusekot durchzogen (wir haben nie etwas gegessen), als Trinkwasser wurde uns Regenwasser angedreht (zu dem Zeitpunkt hatte es in Portugal im März 2017 letztmalig geregnet!), Stellplätze meist nur in der Auffahrt, weil man gar nicht auf das Grundstück kam und die freien Tage, hmm, da wurde nicht so genau auf den Kalender geschaut. Nee, mit uns nicht mehr, wir mögen es dann doch hygienisch und mit angemessenem Ausgleich.

Wir haben gelernt, noch besser hinzuschauen. Wir haben gelernt, noch besser zuzuhören. Wir haben gelernt, noch mehr auf Menschen Acht zu geben. Wir haben gelernt noch besser für uns zu sorgen.

Nun nähern wir uns Deutschland in rasantem Tempo, doch unsere Reise ist nicht beendet. Es ist ein Zwischenstopp und weitere Begegnungen warten auf uns.

Tag 175: Sonne satt

Heute hatte ich Langeweile und habe mittels Kalender doch gezählt, wie viele Tage wir nun schon im Wohnmobil wohnen. 175 Tage. Wow, es kommt mir vor, als wären wir erst gestern losgefahren. Ob ich jemals wieder in einer Wohnung wohnen will? An einem festen Ort? Ich kenne die Antwort bereits.

Ja, meine Seele und Portugal… Das ist so eine Sache für sich. Allerdings ist der seit Tagen herrschende Sommer in Spanien nicht zu verachten. 10 Tage verbrachten wir bei einer Bekannten, die einen Stellplatz eröffnet hatte, trafen auf alte Bekannte aus Deutschland, die eigentlich nicht mehr reisen wollten,  Teo war von morgens bis spät Abends mit Kindern irgendwo im Nirgendwo unterwegs und abends gab es Lagerfeuer mit Pfannenpizza. Vorgestern brachen wir auf. Wollten wir doch zu den heißen Quellen bei El Saladillo. Nachdem wir endlich die hässlichen Plastikplanen des Gemüseanbaus hinter uns gelassen hatten, war ich wieder einmal sprachlos über die beeindruckende Landschaft Spaniens. Ein abenteuerlicher Weg führte uns direkt ins Paradies. Es ist immer wieder faszinierend, wie heißes Wasser aus dem Erdinnern sprudelt. Irgendwann hatte sich jemand die Mühe gemacht und 4 Becken aus dem harten Lehmboden ausgehoben, so dass die Quelle nicht im angrenzenden Fluss versickert. Und während ich abends und morgens mein Bad genoss, gab es einen Fernblick gratis dazu. Traumhafte Sonnenuntergänge waren garantiert. Eine wunderschöne Energie findet man an dieser Quelle und ein fröhliches Miteinander mit den anderen Anwesenden. Die Flora und Fauna unbeschreiblich schön.

Da die Temperaturen weiter steigen, wurde es uns heute im Schwefelwasser doch etwas zu heiß und wir beschlossen, ans Meer zu fahren. Abkühlung musste her. (Sommer im Süden kommt für mich nicht in Frage, ist mir jetzt schon viel zu heiß.) Anfang November waren wir bereits in La Azohia. Mateo hatte hier schwimmen gelernt und er wollte gern nochmal an diesen tollen Strand. Vor 5 Monaten standen wir hier mit ca. 15 weiteren Wohnmobilen. Wir wussten, dass es ein typischer Überwinterungsplatz für Freisteher ist, trotzdem war ich erschrocken, als wir heute ankamen. Über 100 Wohnmobile dicht an dicht. Normalerweise eine Situation in der wir Gas geben und uns einen anderen Ort suchen. Doch Mateo zu Liebe, werden wir 1-2 Tage hier bleiben, bevor es weiter geht.

Wir haben noch weitere Tipps für tolle Naturquellen bekommen und werden nun einen „heilbadenden“ Weg nach Deutschland einschlagen.  Wann wir in Hannover eintrudeln, bleibt unser Geheimnis, damit wir uns erstmal akklimatisieren können. Einen Hinweis gibt es: Sobald die Sonne scheint und es warm ist, sind wir wohl angekommen, denn die Sonne  bringen wir natürlich mit. 😉