Lebst du schon oder machst du noch Urlaub?

Gestern überkam mich ein Gedanke: „Ich war seit 3 Jahren nicht im Urlaub.“

Hört sich merkwürdig an, bei dem Leben, das ich führe? Ja, es gibt immer noch einige Menschen, die mein Leben fälschlicherweise als Langzeiturlaub betiteln. Sie wollen es so sehen, das ist mir mittlerweile klar.

Natürlich befinde ich mich nicht in Langzeiturlaub.

Richtig ist, ich lebe seit einigen Monaten an Orten, an denen üblicherweise Urlaub stattfindet. Der Umkehrschluss, dass dann Menschen, die dort wohnen, immer Urlaub haben, hinkt.

Ich lebe in einem beständigen zu Hause, auch wenn es Rollen hat, gehe arbeiten, kaufe ein, koche, treffe Freunde, übe Hobbies aus, werde krank, bewältige Herausforderungen, kämpfe mit Naturgewalten usw.

Richtig ist ebenfalls, ich brauche keinen Urlaub. Ich liebe mein Leben so wie es jetzt ist und kann mir gar nicht vorstellen, ohne mein zu Hause zu sein. Irgendwo hinfliegen, in einem Hotel, Ferienhaus oder ähnlichem zeitweise wohnen, eine Horrorvorstellung.

Mir stellte sich die Frage, warum ich „früher“ in Urlaub gefahren bin. Was macht den Unterschied aus? Die Antwort fand ich schnell. Bei mir war es eine Flucht aus dem Alltag. Ich brauchte Tapetenwechsel, brauchte Erholung von den von mir selbsterschaffenen Strukturen. Ich könnte es mir schönreden und sagen, ich war neugierig auf die Welt. Es wäre Selbstbetrug, denn 3 x jährlich für 2-3 Wochen wegfahren, ist weit von Abenteuer entfernt und Land/Leute lernt man definitiv nicht in dieser Zeit kennen. Ich fuhr in Urlaub, um meine Akkus aufzuladen, ohne darüber nachzudenken, welch nette Überlebensstrategie sich in mein Bewusstsein geschlichen hatte. Ein Meister der Wortspiele.

ALLTAG….nennen wir den größten Teil unseres täglichen Handelns. Oftmals als langweilig, „muss sein“, eintönig usw. betitelt. Wenn ich mir aus heutiger Sicht einen Blick, hinter den Alltag erlaube, ist er nichts Anderes als Dein und Mein und Unser Leben, nur eben mit einem anderen Wort getarnt. Der Alltag IST dein Leben und die Lebensqualität wird bestimmt, wie du dein Leben gestaltest, nach wessen Regeln du es strukturierst. Nach fremden oder nach deinen eigenen?

Ich habe meine Komfortzone verlassen. Ich setze aktuell nicht auf Sicherheit in Form von geregelter Arbeit, festem Monatseinkommen, festem Wohnsitz usw. Ich begab mich ins Ungewisse. Jeden Tag aufs Neue. Sobald sich Gewohnheit einschleicht, läuten die Alarmglocken bei mir. In die Falle, dass Leben und Alltag unterschiedliche Dinge seien, falle ich definitiv nicht mehr rein. Das Spiel habe ich durchschaut. Ich will leben und nicht überleben.

Ich habe dadurch Lebensqualität gewonnen. Das Leben ist leichter und schwerer zugleich geworden. Leichter durch die Umgebung, die ich mir schaffe und die Möglichkeit einfach zu fahren, bis zu den Orten, an denen ich mich wohl fühle. Schwerer, weil meine bisherigen Erfahrungen überhaupt nicht helfen. Die Aufgaben, die mir gestellt werden, sind neu und erlernte Methoden sind nutzlos.

Es ist kein Dauerurlaub, auch wenn du es gern so bezeichnest. Mein Leben als Dauerurlaub  und mich als Exot zu definieren, machen es dir leichter, in deiner Komfortzone zu bleiben und deinen erholsamen Jahresurlaub zu planen. Mein Leben als das zu sehen, wie es ist, ein „Alltag“ frei von Wünschen und Träumen, glücklich im Augenblick, würde dir schlaflose Nächte bereiten. Denn wenn es tatsächlich keinen Alltag, sondern nur ein Leben gibt, warum lebst du es dann nicht?

Halt rufst du? Du lebst dein Leben und fährst einfach so gern in Urlaub, weil es schön ist? Herzlichen Glückwunsch, dann gehörst du zu den wenigen Menschen, die unentgeltlich ihre Arbeit ausüben würden; die den gleichen (Bio)Rhythmus wie ihr Arbeitgeber haben; die genau dort wohnen, wo sie schon immer wohnen wollten (nicht weil es bequemer mit Kinder und Arbeitsstelle ist); die nur 2 Tage die Woche für sich und die Familie brauchen; die gern wochenlang im Voraus Treffen mit ihren Freunden planen; denen gern die Zeit fehlt; die gern ihr Leben nach Terminen ausrichten. Ja, soll es geben, schließe ich nicht aus, dürfte doch die Minderheit sein.

PS: Es reicht, wenn du die Frage, warum du in Urlaub fährst, still für dich, dafür ehrlich beantwortest. Braucht kein anderer zu wissen, dass deine Akkus leer sind 😉

Und noch etwas zum Aufwachen: Eine Leben ohne Urlaubswunsch hat nichts damit zu tun, das man beständig reist und im Wohnmobil lebt. Ich persönlich bin eine Nomadin. Ich bin glücklich, wenn ich reise. (Aktueller Stand, wer weiß was kommt) Es gibt Menschen, die sesshaft sind und keinen Sinn sehen, in den Urlaub zu fahren. Ich kenne einige, die für keinen Preis der Welt ihr zu Hause verlassen würden.  Ich habe einige kennengelernt, die sich ihre Paradiese aufgebaut haben und somit 365 Tage im Jahr trotz Arbeit im Urlaub sind. 😉 Eine Person davon ist meine allerbeste Freundin. Meine Liebe, ich habe endlich kapiert, was du mir seit Jahren sagen willst. Urlaub ist Schwachsinn und kann eine Qual sein, wenn man rundum glücklich mit seinem Leben ist. Ja, es hat „Pling“ gemacht, hat lange genug gedauert…..

Tag 395: Adieu Sprachabneigung

Seit 2 Wochen reisen wir durch Frankreich. Lassen uns treiben und verweilen an Stellen zu denen es uns zieht. Im letzten Oktober rasten wir in ein paar Tagen durch dieses wundervolle Land, insbesondere auch, weil ich die Sprache nicht spreche und ich eine Blockade hatte, auch nur ein Wort lernen zu wollen.

Das sieht jetzt ganz anders aus. Gleich am ersten Tage zwang ich den besten Mann mir die Aussprache zu erklären. Diese ganzen Endungen aus 3-5 Buchstaben, die aber nur 1 Lautbuchstabe sind….. Mir zwar immer noch unverständlich, warum ein z.B. eau(x) geschrieben werden muss, wenn ein O gemeint ist, aber nun gut. Das geschriebene Wort erschloss sich mir bereits im letzten Jahr. Hinzukommt, dass ich es nun sehr langsam, aber aussprechen kann. Ob es tatsächlich ein Muttersprachler versteht, sei dahingestellt.

Das tollste für mich, ich verstehe, wenn Menschen mich ansprechen. Das doofe, ich kann nicht wirklich antworten. Das wiederum tolle: Ich merke ich will antworten können. Und so entwickelte sich in den letzten 2 Wochen als erstes Mut, einfach die paar Brocken, die ich kann auch zur Anwendung zu bringen. Ich konnte sogar schon erklären, dass das nicht mein Hund ist, der hinter mir herläuft. Hörte sich vermutlich eher nach „nix mein Hund“ an, aber es wurde verstanden. Nur in der Boulangerie bestelle ich mindestens 2 Baguette. Denn die „Eins“ ist für mich nicht aussprechbar bzw. nur, wenn ich mir die Nase dabei zuhalte. Das übe ich lieber nicht in der Öffentlichkeit. Darum auch kaufe ich auch nur Baguette und kein Brot (Pain). Auch Pain klappt nur mit Nasenklammer.

Heute hatte ich jedoch ein echtes Erfolgserlebnis: Beim Spaziergang kamen wir an einer Pferdekoppel vorbei und die Pferde fesselten mich, denn sie wirkten klar und frei und unbenutzt. Ich blieb stehen. Die Pferde wurden gerade mit frischem Wasser versorgt und die beiden Franzosen luden mich auf die Koppel ein. Ich verstand wirklich jedes Wort, wie alt die Fohlen sind usw.  Und so konnte ich einen Moment mit Pferden genießen, die mit sich und er Welt zufrieden sind. Artgerecht ist nur die Freiheit bleibt jedoch weiterhin mein Motto.

Nach so vielen Jahren Abneigung der französischen Sprache will ich sie nun endlich sprechen lernen. Jetzt. Und das, wo ich auf die schneebedeckten Pyrenäen schaue und in den nächsten Tagen auf spanisch umschalten muss. Tja, so ist das Leben.