Aus von der Zeit

In einer Sprachnachricht einer Freundin fiel der Satz: „Genießt eure Auszeit.“ Diesen Satz hören wir genauso oft, wie „Oh wie mutig, ihr fangt neu an.“

Ich persönlich verstehe die Sätze nicht und auch nicht deren Sinn. Mein erster Impuls ist, nachzufragen, was wir neu anfangen bzw. wovon wir eine Auszeit nehmen. Das Leben beginnt grob geschätzt mit der Geburt, von mir aus auch mit der Befruchtung der Eizelle. Wie bitte sollte es neu beginnen? So mittendrin? Und was hat Reisen damit zu tun? Und wenn etwas neu anfängt, muss ja irgendwas zu Ende sein? Ich lebe immer noch. Mein Leben ist nicht zu Ende und mein Leben fängt nicht neu an. Vergangenheit und Gegenwart SIND mein Lebensweg. Einfach so. Das ist meine VITA, mein Lebensweg. Die Vergangenheit ist nicht ausgelöscht. Niemand hat Reset gedrückt und die Werkseinstellungen wiederhergestellt. Ich bin Ich seit 44 Jahren. Nichts mit neu.

Auszeit vom Leben oder wovon? Auch hier gilt: Ich nehme keine Auszeit von meinem Leben. Ich lebe mein Leben in allen Facetten, die es mir bietet. Aktuell reisend durch Europa, lebend im Wohnmobil und ohne festen Wohnsitz. Das fühlt sich nicht nach Auszeit an. Das fühlt sich nach gel(i)ebtes Leben an. Und auch das vor dem Reisen mit noch festem Wohnsitz war mein Leben, mein gel(i)ebtes und frei gewähltes Leben. Das ist mein Lebenslauf. Nichts davon erzwungen, nichts von dem ich eine „Pause“ bräuchte. Einfach mein Leben, das war und ist, wie es für mich bestimmt ist. Das Wort Auszeit nehme ich als sehr befremdlich wahr. Es bedeutet für mich, dass ich nach einem temporären Zeitraum wieder dort ansetze, wo ich vor diesem temporären Zeitraum war. Das wäre doch irgendwie Quatsch. Ich kann noch nicht an die Vergangenheit anknüpfen. Die ist doch abgelaufen. Außer ich verfüge über eine Zeitmaschine. Tue ich persönlich nicht und selbst wenn, ich würde sie nicht nutzen. Ich habe „Zurück in die Zukunft geschaut“ und weiß, dass das ganz viel durcheinander bringt, wenn man durch die Zeiten springt. Dann doch den guten sozialistischen Spruch: Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Ich weiß nicht, warum Menschen diese Phrasen bringen. Vielleicht unbedacht, weil es eben Phrasen sind und es irgendwie passend erscheint. Nur im Endeffekt läuft das Leben nun mal ununterbrochen bis zu dem Moment des Todes. Zack, weg bist du. Ganz einfach.

Und ich hoffe euch fällt nicht gleich die Butterstulle aus dem Gesicht: Der in Kürze anstehende Jahreswechsel ist ebenfalls kein Neuanfang. Wie ich schon letztes Jahr schrieb: Das Datum hat sich nur irgendwer ausgedacht. Am 1.1. wird nicht automatisch alles besser. 2019 wirst du nicht automatisch deine Vorsätze umsetzen. Nee, die setzt du um, wenn dein Wille stark genug ist. Sie haben nichts, absolut nichts mit einem Datum oder einer anderen Bedingung zu tun. Wenn du deine Wünsche und Träume an Bedingungen/Ereignisse in der Zukunft knüpfst, passiert nur eine Sache: Deine Zukunft wird von Tag zu Tag weniger, an dem du deine Träume ausleben kannst. Denn ganz klar ist irgendwann deine Zeit abgelaufen und dann hast genug Zeit zum Träumen.

In diesem Sinne zitiere ich meinen wundervollen 6-jährigen Sohn, der vor ein paar Tagen folgendes zum Besten gab: „Wenn ich tot bin, liege ich in einem Sarg unter der Erde. Das ist doch eng und dunkel. Da kann ich mich auch gar nicht mehr bewegen. Das muss wirklich sehr langweilig sein. Komm Mama lass uns jetzt ganz viele Abenteuer erleben, dann können wir uns daran erinnern und uns wird im Sarg nicht langweilig.“

P.S.  „Oh, du bist ein Aussteiger.“ höre ich auch oft. Dagegen habe ich keine Einwände. Ich steige mehrmals täglich aus dem Wohnmobil aus und auch wieder ein. Einsteiger hat mich jedoch noch niemand betitelt.

Tag 205: Das zweite Ich

Exakt vor einer Woche trafen wir in Hannover ein. Freudig erwartet von unseren wundervollen Kindern und unseren Freunden. Und natürlich freuten auch wir uns, sie alle wiederzusehen.

Obwohl ich weiß, dass es nur ein Zwischenstopp ist, komme ich nicht an, fühle ich mich nicht wohl. Beim Betreten der Wohnung kam mir nichts vertraut oder bekannt vor. Vielmehr erdrücken mich die Wände und noch vorhandenen Möbel. Die Wege zwischen Bad/Küche/Wohnzimmer/Schlafzimmer sind viel zu weit. Selbst die Wege innerhalb unserer tatsächlich riesigen Küche sind energieraubend. Ich konnte und kann noch immer nicht schlafen und ständig begegnet mir mein vergangenes ICH. Ich sehe mich (vor 7 Monaten und davor)  durch die Wohnung laufen, kochen, putzen und meinem gewohnten Alltag nachgehen. Aber das bin ich nicht. Diese Rolle passt mir nicht mehr. Sie sitzt wie ein viel zu kleiner Schuh und drückt, zwickt und verursacht Schmerzen. Sehnsüchtig blicke ich aus dem Fenster auf mein zu Hause, unser Peter. Ganz oft am Tag suchen wir einen Vorwand, nochmal zu Peter zu müssen. Sobald sich die Tür hinter mir schließt, fühle ich mich beschützt, sicher und zu Hause. Ich rieche die Freiheit, das Meer und mein Leben, das Leben das ich nicht mehr missen möchte.

Gestern schlichen Frank und ich uns spät abends ins Wohnmobil, zogen die Gardinen zu, zündeten Kerzen und ein Räucherstäbchen an, tranken Wein und schwupps schon befand ich mich an einem Stausee in Portugal. Erst heute morgen gingen wir wieder in die Wohnung. Ab jetzt wird jeder Dienstag in Peter verbracht, bis wir  wieder abfahren.

Mateo genießt es, seinen Traktor wieder fahren zu können. Doch auch ihm macht die Größe der Wohnung zu schaffen und er fragt jeden Tag, wann wir wieder in Peter wohnen, wann wir wieder fahren.

Noch vor 2 Monaten saß ich in Portugal und lehnte Franks Angebot, zurückzufliegen und die Wohnung leerzuräumen, während ich mit Mateo in Portugal bleibe, ab. Ich wollte nicht, dass er unsere gesamten Möbel verschenkt. Und nun sitze ich im kalten regnerischen Hannover und ärgere mich darüber, wie blöd ich war. Ich habe keine Beziehung mehr zu diesen materiellen Dinge und wie wird man sie am schnellsten los? Richtig verschenken. Frank lacht mich aus und ich bestehe darauf, dass es mir wichtig war, dass ich sie verschenke und nicht er. Ein bisschen das Gesicht wahren, muss er mir schon zugestehen.