Selbstbestimmte Pflicht

Ein Mensch an der Algarve hatte mich bereits im letzten Jahr in seinen Bann gezogen. Mehr als mit ihm getanzt, gelacht, ihm bei seiner „Arbeit“ zugesehen und kurz unterhalten, habe ich bisher nicht. Er strahlt eine unglaubliche Lebenslust, Präsenz, Authentizität und Freiheit aus, wie ich sie bei noch keinem Menschen zuvor gesehen habe. Diese Art löst in mir einen Synapsenfasching aus, Knoten lösen sich und ich blicke klar auf bisher unklare Dinge. Wer länger an der Algarve mit Kindern verbringt, kommt an ihm eigentlich nicht vorbei. Leo Lobo und sein Projekt „Circus Vagabunt“.

Heute war es mal wieder soweit und während ich seinen Umgang mit Kindern, nein mit Menschen, beobachtete, spielte sich in meinem Kopf wiedereinmal „Chaos zum Durchblick“ ab. Das Thema Schule/Schulpflicht beschäftigt mich. Es vergeht nicht ein Tag, an dem nicht irgendwer nachfragt, wie wir das denn mit der Schule unseres Kindes machen. Diese Frage macht mich manchmal wütend,manchmal sogar hilflos, denn ich kann verbal nicht ausdrücken, warum Schule (wie in Deutschland praktiziert) für mich inakzeptabel ist. Warum ich das Bedürfnis habe, mein Kind schützen zu wollen. Warum ich Schule ablehne und warum dieser Zwang ein Kind 12 Jahre lang für 8 Stunden pro Tag in ein Gebäude zu stecken, weil es 6 Jahre alt ist, auch ein Grund unserer Reise ist. Ich finde, einfach die Worte nicht dafür, weil meine Gefühle sehr komplex bei diesem Thema sind. Aber nun nach 2 Stunden Leo kann ich in der Vergangenheit davon reden. Ich FAND bisher keine Worte. Jetzt ist mir klar, was in mir vorgeht und ich kann es sagen, warum ich die Schulpflicht dermaßen in Frage stelle, dass ich dafür Deutschland verlasse:

Ein Kind ist nicht das Eigentum der Eltern und auch nicht eines Staates. Ein Kind ist kein leeres Gefäß, dass Eltern oder staatliche Institutionen füllen müssen. Ein Kind ist selbstbestimmt. Ein Kind ist ein Mensch. Menschsein ist  altersunabhängig. Weder die Eltern noch der Staat haben das Recht zu bestimmen, was ein Mensch lernt, wann ein Mensch lernt und wie ein Mensch lernt. Dieses Recht, zu bestimmen, womit, wie und wann das Hirn gefüttert wird, liegt bei jedem Menschen selbst und ist äußerst individuell und ebenfalls altersunabhängig. Volljährigkeit/Minderjährigkeit/Erwachsen/Kind sind ausschließlich rechtliche und fiktiv festgesetzte Begriffe. Ein Mensch ist ein Mensch ab seiner Geburt und das Alter eines Menschen gibt niemanden das Recht über einen anderen Menschen zu bestimmen, ihn zu unterdrücken oder mit Zwang in bestimmte Bahnen zu lenken. Nicht die jungen Menschen müssen etwas lernen, sondern wir alten Menschen müssen, ja müssen, schnell begreifen, dass es falsch ist, in Altersgrenzen zu denken. Jeder Mensch hat das Recht selbst zu entscheiden, wen er als Lehrer und Mentor wählt, egal ob dieser Mensch 0 oder 80 ist.  Wir alten sind im Zugzwang und um eine Veränderung in der Welt zu erzielen, heißt es umdenken und sich von Gewohnheiten und Glaubenssätzen verabschieden. Da mussten wir alle durch? Ein bißchen Disziplin schadet niemanden? Was soll denn sonst aus dem „Kind“ werden?Nun ja, wohin unsere Bildung und Disziplin die Erde gebracht hat, ist nicht wirklich vorzeigefähig und spricht nicht für Intelligenz. Also soviel scheint aus dir und mir trotz Schule nicht geworden zu sein 😉,sonst wäre Mutter Erde nicht so abgerockt.

Es ist nicht besonders lange her, da hatten wir Frauen keinerlei Rechte. Männer bestimmten, was richtig für Frauen sei. Wie sich das wohl angefühlt haben mag, nichts selbst bestimmen zu dürfen?  Wir haben uns befreit. Damals war es das Geschlecht, dem die Selbstbestimmtheit genommen wurde. Aktuell wird Selbstbestimmtheit anhand des Alters eines Menschen aberkannt. Es wird Zeit, dass wir Mütter und Väter unsere Kinder befreien und ihnen Gehör für ihr Recht auf Selbstbestimmtheit über Körper,Geist und Seele verschaffen.

Versucht es einmal, keiner verlangt Perfektion. Wenn ihr das nächste Mal ein „Kind“ seht, versucht es mit anderen Augen zu sehen: als fertigen Menschen, als wissenden Menschen, als ganzen Menschen, als großen Menschen, als gleichwertigen Menschen. Hört diesen Menschen mal aufmerksam und nicht nur halbherzig zu. Sie haben viel zu sagen. Lasst euch von dem Größenunterschied (ich meine ausschließlich Körpergröße) nicht irritieren oder beeinflussen.

Tja, „unser Kind“ hat sich offenbar einen Mentor gesucht und uns heute klar zu verstehen gegeben, was es JETZT lernen möchte. Nun denn, die Algarve ist doch gar nicht so schrecklich. Wir bleiben dann noch ein bißchen und verschieben unsere Weiterreise.

Tag ???: Sonne und Sprünge

Zwei Erlebnisse beschäftigten mich etwas ausgiebiger. Bei beiden „hüpfte“ Peter. Vor einer Woche stand Peter direkt neben einem als Wohnmobil ausgebauten THW-Fahrzeug. Ich war mit Mateo gerade in Peter als es fürchterlich laut knallte und Peter die Bodenhaftung verlor. Adrenalin schoss durch meine Adern. Was war passiert? Beim „Aufpumpen“ eines der hinteren Zwillingsreifen des THW-Fahrzeuges platzte dieser. Die Druckwelle ließ Peter springen. Für uns nur ein Schreck. Für die Bewohner des Gefährtes dramatischer. Der Mann und sein Sohn hockten direkt vor dem Reifen, als dieser platzte. Die Druckwelle hat eindeutige Spuren an ihren Köpfen hinterlassen und zeigte, wieviel Kraft komprimierte Luft hat. Erschreckend.

 

Das 2. Mal bewegte sich Peter vorgestern. In den Morgenstunden kam es mir komisch vor, dass er wackelte, obwohl kein Windzug wehte. Als würde jemand von außen an ihm rütteln. Zeitgleich bildeten sich auf dem Stausee vor uns Wellen. Ich fand es merkwürdig, konnte jedoch nicht einordnen, was es zu bedeuten hatte. Einige Zeit später war klar, das war ein Erdbeben (Stärke 4,9.) Das Paradies hat auch eine andere Seite. Extreme Trockenheit, monsunartige Regenfälle, Sturmfluten und Erdbeben.

Die Trockenheit macht uns wirklich Gedanken. Klar lieben wir es, wenn wie heute, die Sonne so heiß ist, wie sonst in Hannover im Sommer. Andererseits ist der Stausee, an dem wir stehen, 10 m unter seiner eigentliche Fülle und er wird seit 3 Jahren kontinuierlich weniger. Wir überlegen uns gut, wofür und wieviel Wasser wir verwenden und gehen sehr sparsam damit um. Selbst, wenn wir wie derzeit eine Dusche zur Verfügung haben, duschen wir nur sehr kurz. In Deutschland liebte ich lange unter der heißen Dusche zu stehen und klar würde ich das auch jetzt gern, aber es ist einfach nicht notwendig und wäre Wasserverschwendung. Ich wünschte, diese Sichtweise hätten die anderen Touristen auch. Leider ist eher das Gegenteil der Fall.

Momentan stehen wir gar nicht einsam und allein, sondern zwischen 7 Engländern. Eigentlich nicht unser Fall dieses kuschelige Rumgestehe, aber Mateo hat seine Freude. Er übt englisch und unterrichtet deutsch.

Uns hat er gezeigt, wie er schreiben lernen will. Da mussten wir erst einmal ein paar Tage überlegen, ob das OK ist. Er wollte WhatsApp auf sein Tablet, damit er mit seinen Brüdern/Schwester schreiben kann. Nun gut, wir haben seinem Wunsch entsprochen. (Tut uns leid ihr Lieben, dass ihr jetzt zugespamt werdet.) Wenn das seine Motivation ist, lesen/schreiben zu lernen, stehen wir dem nicht im Weg. Wir achten nur darauf, dass er nicht zu oft auf Sprachnachrichten zurückgreift. Er hat wirklich eine sehr individuelle Art zu lernen, die vermutlich in keiner Schule Berücksichtigung finden würde. Zum Anderen ist er an naturwissenschaftlichen Dingen interessiert, die erst in der 7. Klasse Thema wären. Einen Menschen aufgrund des Alters einen Bildungsstand aufzudrücken, ist nicht richtig. Menschen sollten ab ihrer Geburt die Möglichkeit haben, sich gemäß ihren Interessen zu entwickeln und nicht in „altersgemäße“ Schubladen gepresst werden. Kein Mensch lernt etwas, weil er ein gewisses Alter erreicht hat.  Es bringt rein gar nichts vom 6. Lebensjahr an für 9 Jahre – 12 Jahre ein festgeschriebenes Wissen zu vermitteln. Das lässt keinen Raum für Veränderungen, die unsere Welt dringend braucht.

 

 

Tag 46: Carlos und die Leuchtquallen

Heute verließen wir unseren luxuriösen Stellplatz und begaben uns weiter Richtung Südwesten. Bald erreichen wir das Vereinigte Königreich. Von unserem heutigen Schlafplatz können wir es jedenfalls schon sehen und irgendwie freue ich mich auf England.

Mateo hat heute für uns herzinfarktmäßig schreiend auf der A7 bei Marbella festgestellt, dass er zwei Wackelzähne hat. Zum Anderen hat er die Erfahrung gemacht, dass auch Erwachsene manchmal Recht haben. An unserem heutigen Schlafplatz tummeln sich im Meer leider einige Leuchtquallen (sehen so schön aus) und wir sagten ihm, dass es gefährlich ist, diese zu berühren. Er wusste es besser und kam uns plötzlich schreiend entgegen. Er hat eine Qualle angefasst und die Nesseln haben ihn im Gesicht, der Schulter und dem Bein erwischt. An der Schulter wird er Narben behalten. Glücklicherweise hat er nicht allergisch reagiert und nach einer Stunde mit Behandlungen durch Meerwasser, Tomatensaft, Rasierschaum und Essig ließ das Brennen nach.

Mir geht es hervorragend. Von Reisemüdigkeit keine Spur mehr, stattdessen habe ich erneut von „Carlos“ gehört und bin nicht abgeneigt ihn kennenzulernen. Er bietet wirklich einmalige unwiderstehliche Konditionen. Ich denke, ich würde ihm gern im Januar begegnen….. Wer kann schon bei 200 EUR „Nein“ sagen. Tja, who the fuck is Carlos? 😊 Ihr werdet es rechtzeitig erfahren.

Tag 19: Touristen und Höhlenmenschen

Heute sind wir zu echten Touristen mutiert. Es war uns wieder nach Berge und als Ziel pickten wir uns die Coves Sant Josep heraus. Eine besondere Höhle, denn sie wird nicht zu Fuß erkundet, sondern per Boot. 45 min dauert die Fahrt auf dem unterirdischen Fluss. Ein empfehlenswertes Erlebnis.

Nach wie vor bin ich sehr froh, dass unser Peter so kurz und wendig ist. Bisher passten wir durch jede Gasse und sind auch in Spanien mautfrei.

Neulich stand auf einem Stellplatz ein Luxus Wohnmobil der Marke Concorde mit Anhänger. Mateo fand das natürlich richtig cool. Verreisen mit Waschmaschine, Backofen, Geschirrspüler und natürlich Pkw. Ich überlegte nur, wieviel ich darin putzen muss, das hatte mind. 20 qm und wie ich damit die einsamen Stellen erreicht hätte. Nö, ich würde nicht tauschen. Ich liebe den Peter.

Als  das Selbstnivellierprogramm lief und das Wohnmobil plötzlich auf Stützen stand und die Räder in der Luft hingen, fragte ich mich, ob die Räder wohl morgen noch vorhanden sein werden…..Exakt in dem Moment parkte ein Wohnmobil aus Polen zwischen Peter und dem Luxus Liner. Was war wohl mein erster Blick am Morgen? Jaja, politisch nicht korrekt und immer diese Vorurteile…Zur Strafe esse ich jetzt Sauerkraut mit Weißwurst…;-)